PREMIERE: Ein beeindruckender „Weibsteufel“ von Karl Schönherr
VON HANSJÖRG WALDNER
INNICHEN. Kein Untertitel wäre für das Schönherr-Stück „Der Weibsteufel“ treffender, wäre er nicht schon vergeben, als „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Ein Ehepaar feiert den siebten Hochzeitstag, doch das Glück sieht anders aus. Der Mann, ein Schmuggler, erniedrigt seine Frau, indem er sie anstiftet, den Grenzjäger zu verführen, um endlich dem Ziel, am Marktplatz ein Haus zu erwerben, näherzukommen. Aber nicht zu weit solle sie gehen. Sie kann aber ihre immer stärker werdende Liebe zum Jäger, der den Aufstieg in seiner Beamtenlaufbahn anstrebt, nicht verheimlichen. Es kommt zur Tragödie. Schönherr hat dieses Stück kurz vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben und darin ein rabenschwarzes Abbild vom Abgrund der menschlichen Seele geschaffen.Gier, Eifersucht, Egoismus und Triebe bestimmen den Mensch und treiben ihn ins Verderben. Es herrscht das grausame Gesetz der Natur: homo homini lupus. Die Ehedramen Ibsens und Strindbergs sowie Gerhard Hauptmann sind als Vorbilder zu erkennen.Dennoch hat Schönherr mit diesem Stück Eigenes, Klassisches geschaffen. Alfred Meschnigg hat nun für Innichen und Vintl den „Weibsteufel“ zubereitet, wissend, dass mit der erfolgreichen Inszenierung Martin Kusejs 2008 am Wiener Burgtheater die Erwartungen hoch geschraubt sind. Ungeachtet dessen schickt ermit Elsa Lamprecht als Weib, Peppe Mairginter als Mann und dem Harald Kraler als Grenzjäger drei Figuren in die Tragödie. Dabei werden die Geld- und Habgier, die Bevormundung desMannes, die Hilflosigkeit und gleichzeitige Überheblichkeit, die sich hinter der Autorität des Beamten verbirgt, wunderbar vermittelt. Tragend und von bleibendem Eindruck ist aber die Frau. Sie spielt nicht die Verbitterte, Enttäuschte, Sinnliche, die Rächerin, sie ist es jeweils. Elsa Lamprecht führt das Publikumin das Innenleben einer Frau, die erniedrigt, missbraucht und als „ein Sach“ bezeichnet wird.Man begreift ihren unendlichen Hass und ist geneigt, ihr die Anstiftung zum Mord an den Ehegatten zu verzeihen. Das Stück ist zeitlos, weil darin die handelnden Personen durch ihreNamenlosigkeit jeden von uns meinen können, es ist aktuell, weil solche Tragödien in den Nachrichten zu lesen, hören und sehen sind. Diese Aufführung in Innichen ist nicht Unterhaltung, sondern der Ort der Auseinandersetzung damit, wohin Leidenschaft, Sucht und Egoismus führen können. Und das Leben zu hinterfragen tut allemal gut.
Ein Schmuggler erfährt, dass ihm sein Handwerk über eine oft praktizierte Vorgangsweise gelegt werden soll: ein junger Grenzjäger wird auf seine attraktive Frau angesetzt, um über sie Informationen zu erhalten. Der Plan des Mannes, seine Frau umgekehrt auf den Grenzjäger anzusetzen, scheint ebenso klug berechnet, zeitigt er doch rasch Erfolg. Allein, der Mann und der Grenzjäger haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aus der kalkulierten Verführung wird Leidenschaft aus dem Spiel mit dem Feuer wird tödlicher Ernst.
Sie durchschaut ihre in den Männerphantasien ausgeklügelte, zugedachte Rolle eines Köders. Das „Weib“ erwacht aus ihrer Unmündigkeit und dreht den Spieß um; es lockt, verweigert, kokettiert, spielt ein Katz-und-Maus-Spiel. Sie wird zu einer Frau, die endlich weiß, was sie will; sie bringt dabei auch die Möglichkeiten einer radikalen Lösung ins Spiel.
AUFFÜHRUNGEN IN STRASSEN - OSTTIROL
"Kulturstadl" beim Strasserwirt
… und als Besonderheit für einen außergewöhnlichen Kulturabend bereits um 18.30 Uhr
„Weibsteufel-Menü“ im „Hotel Strasserwirt“
Preis ohne Menü - € 10,- mit 3-Gang-Menü und Aperitif - € 38,- pro Person
• Samstag, 9. Juli 2011 20.30 Uhr • Sonntag, 10. Juli 2011 20.30 Uhr
Platzreservierung und Menü-Vorbestellung:
Tel. (0043) 04846 6354
AUFFÜHRUNGEN IN UNSERE FRAU IN SCHNALS
Haus der Gemeinschaft
• Samstag, 14. Mai 2011 20.00 Uhr • Sonntag, 15. Mai 2011 17.00 Uhr
Platzreservierung:
Tel. 331 782 72 75
AUFFÜHRUNGEN IN ST. MICHAEL/EPPAN
Kultursaal
• Freitag, 29. April 2011 20.00 Uhr • Sonntag, 01. Mai 2011 20.00 Uhr
Platzreservierung:
Tel. 0471 66 03 05 (Mode Monika)
Tel 366 48 87 852 (ab 16 Uhr)
ACHTUNG: Die Bühne des Kultursaales wird zu einer Studiobühne mit rund 90 Plätzen umfunktioniert; es ist also ratsam, sich die Plätze rechtzeitig zu reservieren.
AUFFÜHRUNGEN IN MATREI IN OSTTIROL
Kesslerstadel
• Samstag, 26. März 2011 20.00 Uhr • Sonntag, 27. März 2011 17.00 Uhr
Platzreservierung:
Karolina Wiesler Tel. (0043) 0664 5868850
AUFFÜHRUNGEN IN WEISSENBACH Vereinshaus Weißenbach
• Samstag, 12. März 2011 20.00 Uhr • Sonntag, 13. März 2011 17.00 Uhr
Die Reservierungen bleiben bis
15 Minuten vor Spielbeginn aufrecht.
Sowohl in Innichen als auch in Vintl wird in den großen Sälen ein Studiotheater eingerichtet: Es stehen pro Aufführung nur ca. 90 Plätze zur Verfügung. Die zeitgerechte Platzreservierung ist unbedingt anzuraten.
Weitere Aufführungen finden im Februar und März in Weißenbach, Strassen (A) u.
Matrei in Osttirol (A) statt.
"Die Eisernen"
Eine Tragikomödie von Aldo Nicolaj
Regie: Alfred Meschnigg
Aus: Pustertaler Zeitung Nr. 26-498/08 - Freitag, 19. Dezember 2008
Die Leiden der jungen Alten
Alte wehren sich (v. l.): Gianni (Peppe Mairginter), Luigi (Paul Beikircher) und Ambra (Angelika Plank)
Foto: Hermann Maria Gasser
Die Pustertaler Theatergemeinschaft hat heuer die Tragikomödie "Die Eisernen" von Aldo Nicolaj auf die Bühne gebracht. Das Stück handelt vom Altwerden - mit seinen wenigen hellen und den vielen dunklen Seiten: "Wenn uns die Gesellschaft bloß ein bisschen besser behandeln würde!" Das Dreipersonenstück wurde zwar bereits 1974 in Budapest uraufgeführt und zählt zu den meistgespielten Werken des italienischen Autors Aldo Nicolaj, aber die Tragikomödie um die drei Senioren hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil, denn die Lebenserwartung steigt rapide, alt wird fast jeder und den Tod haben wir schon fast völlig aus unserem Bewusstsein verdrängt. Wir haben die Großfamilie abgeschafft und bauen Wohnungen, in denen höchstens zwei Generationen Platz haben. Also schieben wir die Alten in Heime ab, die aus allen Nähten platzen. Da stellt sich so manchem Senior bange Fragen: Wie wird es aussehen, das Altsein? Werde ich - alt und gebrechlich - von den Kindern bloß noch geduldet? Werde ich einsam und allein vor mich hinkränkeln oder bin ich doch noch fähig zu einem selbst bestimmten Leben?
In "Die Eisernen" liefern die drei liebenswürdigen Figuren Luigi (Paul Beikircher), Gianni (Peppe Mairginter) und Ambra (Angelika Plank) einen kleinen Vorgeschmack auf diesen letzten Lebensabschnitt: Die betagte Jungfer (eine ehemalige Kindergärtnerin) und die beiden 79jährigen Männer treffen sich auf einer Parkbank und kommen vorsichtig miteinander ins Gespräch. Niemand will anfangs zuviel von sich verraten, jeder möchte sich vor den anderen möglichst gut darstellen, möchte der Jüngere, Gesündere und besser Situierte mit der liebevolleren Familie sein. Doch schon bald merken die drei Alten, dass sie einander in vielen Punkten ähnlich sind, dass Eitelkeiten und Angebereien sie hindern, Freunde zu werden. Die durchaus attraktive Ambra versucht, sich an Luigi heranzumachen. Dem aber ist die Freundschaft zu Gianni wichtiger. Und Gianni versucht alles, um Ambra nicht in diese Freundschaft eindringen zu lassen. Irgendwann halten die beiden Männer es zu Hause nicht mehr aus, sie fühlen sich von ihren Kindern ausgenutzt, bei denen sie wohnen und denen sie ihre Pensionen abliefern. Aus Furcht, bald in ein Altersheim abgeschoben zu werden, wollen die beiden Alten gemeinsam ausreißen, um weit weg in einem kleinen Fischerdorf den noch verbleibenden Rest ihres Lebens zu verbringen. Aber dazu kommt es nicht mehr: Luigi stirbt in der Aufregung des Aufbruchs in den Armen seines Freundes Gianni, der wohl allein an das Meer fährt. Zumindest ihm ist zu wünschen, dass ihm die Flucht in ein neues, selbst bestimmtes Leben gelingen möge, wo er Bitterkeit, Enttäuschung, Einsamkeit und Hilflosigkeit vergessen kann.
Komisch, poetisch und voll Verständnis für die Alten, die man nur zu gerne auf das Abstellgleis geschoben sehen möchte, stellt sich das Trio in den Dienst einer zutiefst humanen Aussage. Die Rollen sind bestens besetzt, die Schauspieler gehen in ihren Rollen geradezu auf, obwohl sie wesentlich jünger sind als die Bühnenfiguren. Die Sprache pendelt zwischen Dialekt und Hochsprache, was aber nicht weiter stört. Das Bühnenbild ist sehr einfach und trist gehalten (Parkbank im Herbst, Straßenlaterne), unterstreicht aber bestens den Inhalt. Regie führt Alfred Meschnigg aus Villach.
Der Pustertaler Theatergemeinschaft gelingt es mit diesem heiter-tragischen Boulevard-Stück, das Publikum zu begeistern und die hiesige Theaterszene zu beleben. Es müssen nicht immer große, spektakuläre Freilichtaufführungen sein, um das Publikum zu bewegen. Es können auch kleine Tragikomödien sein, die den Zuschauern einen Spiegel vorhalten und sie heiter-nachdenklich aus ihrem Bann entlässt.
Übrigens: Die Pustertaler Theatergemeinschaft ist sehr flexibel: Die Inszenierung der "Eisernen" wurde so konzipiert, dass in jedem Raum ab 60 Quadratmeter gespielt werden kann. Wer einen solchen Raum zur Verfügung hat, könnte das Ensemble zu einem Gastspiel einladen - das würde für unsere Breiten eine Novität, die es zu nutzen gilt. •hpl